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Lasst mich dieses Posting mit einer Einschränkung beginnen. Dieser Beitrag dreht sich nicht um Science-Fiction-Serien oder Serien, die offensichtliches Überequipment (wie K.I.T.T.) darstellen. Hier geht es um Serien, die zumindest vorgeben, die “Realität” darzustellen. Mir ist natürlich klar, dass das eine hauchdünne Linie ist, aber ich hoffe, ich kann meinen Standpunkt während dieses Exkurses darlegen.

Aber zuerst einmal dieses College Humor-Video:

Technische Ausrüstung ist schon immer Teil von Serien gewesen, die im “Hier und Jetzt” spielen. Und warum sollte es auch nicht? Es ist Teil des täglichen Lebens, also sollte es Teil der Serien sein, die wir uns angucken. Die Fragen sind nur, welchen Teil, wie groß der Teil ist und wie realistisch das Equipment benutzt wird. Und – um mein Fazit am Anfang zu geben – je moderner eine Serie ist und je mehr “real world”-Technologien es gibt, desto unrealistischer wird deren Darstellung.

Aber lasst mich euch an den Anbeginn der Zeit zurück bringen (zumindest, so weit es mich betrifft). Damals in den 1980ern habe ich eine Menge 70er und 80er Serien geguckt. Diese waren meistens Cop- oder Privatedetektivgeschichten der einen oder anderen Art: Ein Colt für alle Fälle, Trio mit vier Fäusten, T.J. Hooker, MacGyver, Das A-Team, … die Liste geht weiter. In Bezug auf die Benutzung von Technologie können wir hier problemlos MacGyver und Das A-Team heraus picken.
MacGyver konnte aus einer Kugelschreibermine und einem Faden eine Bombe bauen (sozusagen 😉 ). Aber es gab immer eine wissenschaftliche Basis, bei dem, was er tat, selbst wenn sie einige Zutaten seiner Heimwerkerbombe weggelassen haben. Das A-Team auf der anderen Seite brauchte nur einige Stahlplatten und ein Schweißgerät, um daraus die krudesten – aber effektiven – Panzer zu bauen, um die Bösen zu besiegen. Die modernste Technologie in diesen Serien war ein Autotelefon. Computer waren immer noch riesige raumfüllende Maschinen mit surrenden Magnetbändern.

Dann kamen die Neunziger, aber selbst da kann ich mich in der ersten Hälfte nicht an eine Überbenutzung von Ausrüstung erinnern. Sicher, PCs wurden häufiger auf dem Bildschirm, aber ich würde sagen, dass sie dennoch auf eine glaubwürdige Art und Weise benutzt wurden. Aber ich muss zugeben, dass ich nicht viele “real world”-Serien zu der Zeit geguckt habe, meine Erinnerungen also nicht verlässlich sind. In der zweiten Hälfte der letzten Dekade wurden die PCs dann üblicher und sie begannen, Internetverbindung zu haben. Auch “normale” Charaktere fingen an, Handys zu haben. So hackt zum Beispiel Willow in der Pilotfolge von Buffy the Vampire Slayer ins Stadtarchiv, um sich die Blaupausen des Abwassersystems zu besorgen. Dieses Szenario schreit mich jetzt nicht an “Wie unrealistisch!”. Viele Hacker sind jung und Netzsicherheit war damals noch nicht das überragende Thema.

Die größten Schnitzer in Bezug auf Computertechnologie lieferten sowieso die Filme in diesen Jahren, nicht die Serien. Ich sage nur Hackers und Das Netz. Aber sie wurden zu den Vorlagen. Irgendwie wurde den Autoren der Floh ins Ohr gesetzt, dass Computer alles möglich machen würden.

Und so begann dieses Jahrzehnt. Smallville, Alias, 24, CSI, Bones, … wieder geht die Liste weiter. Computer, Handys, Überwachungskameras, PDAs und nicht zu vergessen die Satelliten wurden zu den Zauberstäben des 21sten Jahrhunderts – zumindest auf dem Schirm. Plötzlich gab es für alles eine Datenbank. Satelliten konnten Gehirnwellen aus dem Orbit aufspüren. Computer konnten Aufnahmen von Überwachungskameras verbessern und mit Details anreichern, die im Originalmaterial gar nicht da waren. Gesichtserkennungssoftware kann schwuppdiwupp eine Person aufgrund einer schlechten Skizze in einer Datenbank mit 50 Millionen Einträgen finden. Eine Person kann einem Überwachungskamerastream in Echtzeit manipulieren – von seinem PDA aus! Ein Computer kann gefragt werden, wo es eine bestimmte Art von Sand gibt und er wird es dir auf die Meile genau sagen.

Voodoo und Magie kombiniert könnten nicht die Ergebnisse liefern, die Computer anscheinend liefern können.

Ich habe damit nicht per se ein Problem. Ich habe ein Problem damit, wenn es mit gutem Geschichtenerzählen interferiert. Der Computer hat sich in eine Deus-Ex Machina verwandelt. Wann immer Autoren sich selbst in eine Ecke geschrieben haben, aus der sie nicht mehr durch gutes Erzählen heraus kommen, entscheiden sie sich nicht, den Teil umzuschreiben, der sie in die ecke geführt hat. Nein, der Eckcharakter geht entweder selbst an den Computer oder ruft jemanden an, der vor dem Computer sitzt. “Hey Jane, ich bin’s, John. Könntest du bitte in die örtlichen Pizzerien um die 10te Straße herum hacken und nach Bestellungen suchen, die keinen Käse wollen, weil der Böse Laktose-intolerant ist?” – “Kein Problem, gib mir vier Minuten.” (3,14159 Minuten später) “Ich hab’s. ‘Joey’s Pizza’ hatte keinen Internetanschluss, aber die Satellitenradiofrequenzüberwachung dieser Gegend hat angezeigt, dass das WLAN an war. Ich hab mich in das Handy eines Typen im Café gegenüber gehackt, sein Bluetooth aktiviert und mich mit dem Notebook eines Typen in der Pizzeria verbunden. Von dort aus habe ich einen WLAN-Port aufgemacht und bin in das System gekommen. Der Typ, den du suchst, bestellt immer Salamipizza, welche nach 10te Straße Nummer 4711 geliefert wird. Ich hab mich in die Verkehrsüberwachung gehackt und sehe ihn jetzt am Fenster sitzen ….” *facepalm*

Sie versuchen auch gar nicht mehr, diese Absurdität zu verstecken. Wenn Marshall (Alias) oder Chloe (24) eine Spracherkennungslügendetektor fürs Handy in 20 Minuten schreiben (nicht 20 Serienminuten, sondern in-Universe-Minuten) dann ist das nicht mal mehr außergewöhnlich, sondern ein ganz normaler Tag im Büro.

So sehr mir die Serien auch gefallen, solche Sachen reißen mich immer aus der Geschichte heraus und zerstören meine Verbindung mit der “Realität der Serie”. Ich kann die Serie dann in dem Bezug auch nicht mehr ernst nehmen und das reduziert mein Vergnügen und ich sage mir, dass es doch einen Weg geben muss, eine spannende Geschichte zu schreiben, ohne alle zwei Minuten einen Hasen aus dem Hut zu zaubern. Warum sollte man sich um den tatsächlichen Mord in Bones scheren, wenn der Fall doch eh mit Technologie gelöst wird, die es gar nicht gibt? Sie könnten einen Haufen Asche finden und Angela wäre dennoch in der Lage, das Gesicht zu rekonstruieren und zu zeigen, wo die Kugel durch den Arm ging und die Arterie zerrissen hat. Und Bugboy Jack würde Kies in der Asche finden, die beweist, dass der Mord 2,71828 Meilen nordnordöstlich vom Fundort der Überreste stattfand, was wiederum unweigerlich zum Täter führt.

Das ist der Grund, warum ich oftmals Science-Fiction-Serien bevorzuge. Die geben wenigstens nicht vor, dass es real wäre, was sie zeigen. Dort ist es “What You See Is What You Get”. Ein Autor hat ein Stück Technobabble erfunden und es kann benutzt werden, wie ihm grad lustig ist. “Und wie funktioniert der Heisenberg-Kompensator?” – “Er funktioniert sehr gut, danke.”

Was ich also zu sagen versuche, ist, dass die Autoren vielleicht mehr “rückwärts” denken sollten. Geht ans Ende und denkt darüber nach, wie der Charakter glaubwürdig dahin gekommen ist. Ja, manchmal darf man Technologie einsetzen und manchmal darf sie sogar ein wenig unrealistisch sein. Aber benutzt sie bitte nicht als Schweitzer Taschenmesser, um damit jedes Problem zu lösen, auf das euer Charakter trifft. Vertraut mir, der Zuschauer wird es zu schätzen wissen.

  • Peter von Frosta

    Wie kommst du darauf das 24 kein SciFi ist? Staffel 1 spielt 2004 (Election Year).

    Season 1
    * 18 Monate vergehen *
    Season 2
    * etwa 3 Jahre vergehen *
    Season 3
    * etwa 18 Monate später *
    Season 4
    * 18 Monate vergehen *
    Season 5
    * 20 Monate später *
    Season 6
    * Etwa 4 *
    Redemption/Season 7

    Sind in etwa 14 Jahre. In Staffel 1 Soll Jack 36 sein, in Staffel 7 müsste er dann 49/50 sein und es ist 2018/2019.
    SciFi 😉

  • Lars

    Dieses Empfinden habe ich mittlerweile auch, wobei ich 24, Alias & Co mittlerweile in diesem Punkt schon zu den SciFi Serien zähle, weil man anders aus dem Kopfschütteln nicht mehr rauskommt und ein Schleudertrauma riskieren würde…
    Das Problem bei dir dürfte aber das gleiche wie bei mir sein: Wir sind Softwareentwickler und wissen, welchen Aufwand man teilweise betreiben muss um scheinbar triviale Funktionen zu erfüllen. 95% der Fernsehzuschauer haben aber keine Ahnung von Programmiersprachen, Softwareentwicklung und der Funktionsweise eines Computers. Dieser Personenkreis schaltet den Rechner an, kann Word oder den Internet Explorer bedienen und schimpft bei irgendwelchen Problemen sofort über Microsoft (von der Sorte kenne ich leider einige im Familien- und Bekanntenkreis). Dieser Personenkreis weiß aufgrund des mangelnden technischen Verständnisses also auch nicht, wie aufwendig es ist, Software zu entwickeln oder welche Grenzen es gibt.
    Meine liebster Klassiker in diesem Umfeld ist ja die Bildbearbeitung: man nehme ein total unscharfes Photo und verwandle es mittels neuer Algorithmen in Ultra-HD Aufnahmen, bei der man jede Pore des Bösewichtes sieht. Die Steigerung ist dann, wenn man den Bösewicht nur in einer Spiegelung sehen kann, welche dann mittels aufwendiger Verfahren so bearbeitet wird, dass man abermals eine Ultra-HD Aufnahme erhält (alles aus einem kleinen, verpixelten, unscharfen Bild).
    Der normale Fernsehzuschauer hat also keine Probleme mit diesen Wundermaschinen, da er nicht abschätzen kann, wie realistisch das ist, während alle Informatiker dieser Welt nur kopfschüttelnd vorm Fernseher sitzen. Da dies aber nur wenige sind, wird sich da bei den Drehbuchschreibern in naher Zukunft sicher nichts ändern…
    Man kann es dem normalen Fernsehzuschauer aber auf der anderen Seite auch nicht wirklich verübeln, dass er keine realistische Abschätzung vornehmen kann: Wenn man sich mal vor Augen hält, welche technische Entwicklung wir in den letzten 10 Jahren genommen haben, dann sind viele Sachen, die einem vor 10 Jahren unrealistisch vorkamen, mittlerweile Realität geworden:
    – Erschwinglicher Internetzugang an jedem Arbeitsplatz
    – Erschwinglicher drahtloser Internetzugang an jedem Ort per Mobilfunknetz
    – Multi-Touch Oberflächen (ich erinnere mich noch an Minority Report, wo ich die das revolutionär fand; mit einem Surface kann man das heute schon realisieren)
    – Schrifterkennung in Notebooks (ich werde immer noch auf meinen Tablet PC angesprochen, obwohl es mittlerweile schon mein zweiter seit 2004 ist)
    – …